Retro-Review: Die Klassenstory des Jedi-Botschafters

Vorwort

Wenn nach der besten Klassenstory gefragt wird finden sich Soldat und Botschafter meistens ganz weit unten in der Wählergunst. In Foren wie dem offiziellen subreddit bekommt man sogar so etwas wie Zorn gegenüber diesen beiden Klassenstorys zu spüren und doch haben sie ihre Verteidiger. Ich finde manche der Kommentatoren haben recht, dass die Botschafter-Story einen acquired taste besitzt, sie ist nichts für jedermann und man braucht eine Weile, um mit ihr warm zu werden. Keine Frage, die Botschafter-Story hat gewisse Schwächen, sie ist nicht sehr actiongeladen und Entscheidungen (wie sie Agenten oder Krieger treffen) haben kaum Einfluss auf die Story. Generell weist sie auch weniger Spielraum für Fans dunkler Jedi auf.

Die Botschafter-Story wird selten als schlecht, aber meist als unspektakulär beschrieben. Zum Vergleich, Jedi-Ritter retten Welten und werden schon nach Coruscant als "Held von Coruscant" gefeiert, ein Trend der sich fortsetzt, bis man wirklich als Held von Tython tituliert wird. Während Ritter jedoch im Haudrauf-Stil Superwaffen platt machen und Welten retten ist der Botschafter auf gewisse Weise politischer. Um es mit einem Quasi-Zitat aus dem jüngst erschienen Anakin and Obi-Wan-Comic auszudrücken, ein Jedi zu sein setzt mehr voraus als gut mit einem Lichtschwert umgehen zu können. Genau darauf zielt die Botschafter meiner Meinung nach ab, sie führt den Spieler in Dilemma nach Dilemma und zwingt einem Entscheidungen auf, die zwar ingame wenig Konsequenzen besitzen, den Charakter (und hier kommt der Rollenspielaspekt ins Spiel) jedoch tief prägen.

Meinen ersten Botschafter habe ich 2012 als hellen Jedi-Schatten gelevelt, Rücken an Rücken mit meinem ersten Inquisitor, der ein Sith-Attentäter wurde. Ich war von beiden Storys begeistert, hatte mit beiden aber auch meine Probleme. Ein Mitglied des Jedi-Rats oder Sith-Rats zu sein war mein Traum, dieser wurde wahr. Meine eigene Machtbasis aufzubauen und als Sith zu herrschen war natürlich schmeichelhafter, als seine Macht am Ende aufzugeben, damit man einen Sitz im Jedi-Rat erhält. Was mich damals störte waren Einschränkungen innerhalb der Story, die es beim Inquisitor ja genauso gab. Nach Thanatons Mordversuch war mein erster Gedanke mich von den Sith los zu sagen (für einen hellen Sith naheliegend) und zu flüchten, doch genau das war in der Klassenstory nicht möglich und stieß mich vor den Kopf, man ließ mir keine andere Wahl. Man hätte die Flucht auch vereiteln oder meinen Charakter überreden können, aber es blieb dabei, die Flucht vor den Sith war schlichtweg nicht möglich. Auf der anderen Seite der Macht haderte ich damit, dass Akt I der Klassenstory daraus bestand Jedi-Meister aus dem Verkehr zu ziehen. Imo passte das mehr zu einem Sith-Attentäter, denn dem Botschafter wurde auch eine Lizenz zum Töten ausgestellt. Akt I war wie für Jedi-Schatten geschaffen, die ja auch als Agenten des Jedi-Ordens fungieren und die dunkle Seite aktiv bekämpfen dürfen.

Im Sommer 2012 war mein Jedi-Schatten sogar kurze Zeit mein Main, ehe ich mich wieder frustriert von der Republik ab- und meinem Attentäter zuwandte.

Die Makel

Im Vergleich mit dem Jedi-Ritter werden dunkle Botschafter mit weit weniger eigenen Dialogen belohnt. Die Jedi-Meister in Kapitel I zu töten wird hierbei gerne als Beispiel dafür genannt, wie dunkle Neigungen des Botschafters einfach nicht wahr genommen werden und deshalb irrelevant sein sollen. Ich finde allerdings, dass man hier Äpfel und Birnen miteinander vergleicht. Botschafter und Ritter lassen sich in dieser Hinsicht so wenig vergleichen wie Ritter und Sith, wo einen Gefangenen zu verhaften und zu foltern schon mal als helle Seite durchgeht. Die Meistermorde des Botschafters würden zum Aufgabenprofil eines Jedi-Schattens passen, der die Probleme einfach verschwinden lässt. Man handelt innerhalb der Befugnisse, die einem der Jedi-Rat erteilt hat und diese umfassen auch den Schutz des Ansehens, des Jedi-Ordens, dass durch die zwischen Wahnsinn und Klarheit schwankenden Meister schwer geschädigt wird.

Es mag schon sein, dass die Meister in einem Prozess auf Unzurechnungsfähigkeit plädieren könnten und vielleicht freigesprochen werden. Doch nicht alle Befallenen wirken wahnsinnig und den Opfern ihrer Taten hilft es auch nichts, wenn der betreffende Meister nur unter einer Entität stand. Schuldgefühle und Spuren der dunklen Seite machten es überhaupt erst möglich, dass die Opfer der Seuche zu dunklen Jedi wurden. Wie auch immer, die Vorfälle sind ein PR-Desaster und haben Todesopfer gefordert. Der Botschafter soll diese Probleme lösen und sich dabei diskret verhalten. Die Erweiterten Klassen spielen in der Story nie eine Rolle, auch nicht beim Botschafter, doch Schatten und Gelehrter sind aus einer RP-Perspektive für die Botschafter-Story relevanter als Wächter oder Hüter für die des Ritters. Immerhin geht es in der Story darum, dass die Schildtechnik (etwas das beide EKs des Botschafters beherrschen) ursprünglich von einem Jedi-Heiler erlernt wurde (Gelehrter) und man Noetikons sammelt (eine Aufgabe die sowohl Schatten als auch Gelehrte ausführen könnten).

Der Jedi-Schatten ist eine interessante Klasse, weil sie der eines Jedi-Agenten entspricht. Man hat das Mandat Artefakte der dunklen Seite zu zerstören, Vertreter der dunklen Seite aus dem Verkehr zu ziehen und notfalls auch Gewalt anzuwenden. All das kann bzw. konnte man sich früher auch anhören, wenn man ab Level 10 auf der Republikanischen Flotte den Klassentrainer aufsuchte und sich zwischen Gelehrten und Schatten entscheiden musste. Jedi-Schatten sind eine Gruppierung die der Orden auch brauchte. Sie waren dafür verantwortlich Sith-Kultisten aufzuspüren, zu infiltrieren und zu eliminieren. Sie drangen in Tempel der dunklen Seite vor und zerstörten dort gelagerte Artefakte oder bargen diese, um sie in den Archiven des Ordens unter Verschluss zu halten. Schatten riskierten Kontakte zur dunklen Seite, weshalb sie eben auch Schatten genannt werden. Doch ihre Überzeugungen waren fest, sie sind eher radikale aggressive Jedi-Fanatiker wie Meister Jaric Kaedan anstatt Sith. In diesem Sinne sind dunkle Botschafter nicht als typische dunkle Jedi gedacht, sondern eher als Jedi-Fanatiker (wie Mace Windu, Jaric Kaedan oder Vrook Lamar).

Die Highlights

Um ehrlich zu sein, es hat auch bei mir eine Zeit lang gedauert bis ich zu einem Fan des Botschafters geworden bin. Doch nach meiner Gelehrten gab es Momente und Dinge die mich immer wieder über diese Klasse nachdenken ließen. Es gibt für Botschafter sogar Entscheidungen, die in ihrer Konsequenz an die des Agenten heranreichen. Im Finale von Akt I haben Agenten wie Botschafter etwa die Wahl Leben zu retten oder Leben zu opfern, um den Bösewicht zu besiegen. Und nach 3 Addons fühlt man sich im Fall der zweiten Entscheidung mitschuldig für den Niedergang des Sith-Imperiums oder den desolaten Zustand des Jedi-Ordens (in Fallen Empire). Das richtige zu tun mag nur ein Tropfen auf den heißen Stein sein, doch es nicht zu tun hinterlässt einen bitteren Nachgeschmack und verfolgt einen ewig, wobei die Verbitterung immer noch tiefer werden kann.

Attentäter des Jedi-Rats

Nachdem man zum Jedi-Ritter ernannt wurde und von Coruscant aufbricht handelt man als Agent des Jedi-Rats, man genießt entsprechende Vollmachten und wurde beauftragt, weil man auch in der Lage ist es mit altgedienten Jedi-Meistern aufzunehmen, obwohl man vor einigen Wochen oder Monaten noch ein Padawan war.

Als der Botschafter von Coruscant aufbricht tut er dies im Wissen, dass er notfalls auch in der Lage sein muss einen der abtrünnigen Meister zu töten. Der Orden bewegt sich am Rande einer Krise, sollte bekannt werden, dass Meister, die das Herz des Ordens darstellen, sich als fanatische Mörder darstellen könnten. Die Beziehung der Jedi zum Senat sind gerade nicht die besten und so würden die Verbrechen einiger weniger Jedi-Meister sofort eine Massenhysterie umschlagen.

Schon auf Taris erweist sich der Job des Botschafters als Retter sehr schwierig. Cin Tykan ist für den Tod zahlreicher Kolonisten und Sicherheitskräfte verantwortlich, die allesamt gar nicht wissen und in den frühen Stadien des Jedi-Wahnsinns gar nicht bemerken konnten, dass er nicht mehr ganz er selbst ist. Selbst im Endstadium des Wahnsinns wirkt Tykan nur so als hätte einen psychotischen Schub, der auch von einem Kriegstrauma stammen könnte. Kurzum, in den wenigen Kontakten mit Augenzeugen wirkt Tykan gar nicht so irre. Genau deshalb hinge am Ende alles am Wort des Botschafters, der als Jedi vor Gericht nicht die beste Figur machen würde. Die Überlebenden von Tykans Amoklauf wollen den Jedi-Meister außerdem für seine Taten bestraft sehen, unzurechnungsfähig oder nicht. Die konkrete Quest bleibt zwar ohne böse Folgen, aber rollenspielerisch steht man vor einer schweren Entscheidung. Tötet man Tykan kann man die gesamte Affäre unter den Teppich kehren und erscheint sogar glaubwürdig. Rettet man Tykan ist dieser für den Orden trotzdem verloren, weil er vor Gericht und in Haft landen sollte. Zudem schadet man dem Orden und muss früher oder später mit offenem Misstrauen durch die Bevölkerung rechnen. Misstrauen wäre der erste Schritt zu einer Jedi-Verfolgung und das cowboymäßige Verhalten der Jedi, die sich in ihre Affären nicht dreinreden lassen würde auch die Bürokratie verärgern.

Noch politischer wird es auf Nar Shaddaa, wo mit Duras Fain ein Jedi-Meister seine eigene Gang gegründet hat und nun einen schlecht verborgenen Krieg gegen das Huttenkartell führt. Fains Jedi-Status ließe sich aus Sicht der Hutts auch als verdeckte Kriegsführung durch die Republik deuten und das ganze ist eine diplomatisch höchst explosive Situation. Der Jedi-Orden hat das Glück zuerst von Fains Umtrieben erfahren zu haben, sonst wäre ihm schon eine Todesschwadron des SID auf den Fersen. Fains Handeln wirft auch ein anderes Problem auf, der Meister handelt eigentlich im besten Interesse der Bevölkerung. Er bekämpft die Tyrannen, er schadet den Kriminellen und er könnte langfristig Erfolg haben. Oder eben doch nicht und dann müsste sich die Republik einem Mehrfrontenkrieg gegen kriminelle Syndikate, das Sith-Imperium und die unter dem künftigen Großmogul Torborro expansionistischen Hutten stellen. Man kann Fain jedoch nicht einfach einen Sack über den Kopf ziehen und nach Tython verfrachten, die Hutten wissen bereits von Fain und spielen diese Karte bei der Gefangennahme Fains auch aus. Kann man es über sich bringen Fain für den Frieden an die Hutten zu verschachern, um diesen den Wind aus den Segeln zu nehmen?

Ich liebe Alderaan, den Planeten und die dortige Botschafter-Story. Alderaan bietet Botschaftern alles, das ich aus den Jedi Padawan und Jedi Quest Jugendbüchern (die es einst in Sammelbänden um je 9 Euro gab, 3 Euro pro Einzelband) mit einer typischen Jedi-Mission in Verbindung bringe. Überhaupt stammt einiges meiner Zufriedenheit mit der Botschafter-Story wohl von diesen Jedi-Jugendbüchern, denn abseits der Klonkriege hat es nie allzu viele Romane über die Jedi der alten Republik gegeben. Man könnte auch sagen, man lebt mit der Botschafter-Story auch einen Jugendtraum (sofern man die besagten Romanreihen kannte). Aber zurück zum Thema, auf Alderaan darf der Botschafter wirklich Botschafter sein. Man soll Meisterin Sidonie Garen zur Hand gehen, die dort eine Friedenskonferenz initiiert hat, aber nun ebenfalls Opfer des Jedi-Wahnsinns wurde. Nach außen hin lassen die Wahnsinnigen kaum etwas von ihrerer Verhaltsnauffälligkeit durchsickern, weshalb die alderaanischen Diplomaten ahnungslos in Meisterin Garens Falle getappt sind. Man stellt sich schon schlimmes vor, sie könnte alle Diplomaten umbringen und die Morde nutzen, um einen neuen blutigen Bürgerkrieg anzuzetteln. Wobei man nicht ganz falsch liegen würde, doch Meisterin Garen ist eben Diplomatin, sie überlässt die Drecksarbeit lieber den Delegierten.

Garens Verhalten zeigt wie gefährlich der Wahnsinn ist, denn sie läuft nicht mit Schaum vor dem Mund und einem aktivierten Lichtschwert herum, sondern spielt gegenüber den Delegierten weiterhin die brave Diplomatin. Aber sie spielt trotzdem die einzelnen Häuser gegeneinander aus und den Delegierten mag das wie eine Schocktherapie vorkommen, die nicht ganz im Sinne eines positiven Verhandlungsverlaufs zu verlaufen scheint. Der Treffpunkt des Treffens ist außerdem geheim, der Botschafter muss sich also erst einmal selbst als Delegierter ins Spiel bringen und ein Haus finden, dass noch keinen eigenen Diplomaten entsenden konnte.

Schließlich verschafft man sich Zutritt zur großen Friedenskonferenz und kann einen Friedensprozess auf Alderaan in Gang setzen. Allerdings hat man auch die Wahl diesen Friedensschluss gleich zu torpedieren, indem man im Namen Haus Terals die Verbannung von Haus Ulgo verlangt. Ulgo wird das wohl kaum auf sich sitzen lassen und in den Krieg ziehen, doch zumindest hätten die anderen Häuser nun ein gemeinsames Ziel.


Moralische Zwickmühlen

Neben des Friedens von Alderaan erinnere ich mich in Akt I auch gerne an die finale Konfrontation mit dem Seuchenmeister Lord Vivicar. Selbst wenn man alle Meister getötet hat könnte man die Schildtechnik gegen Vivicar verwenden und den Auftragsmorden doch noch etwas gutes abringen, man hat seine Kräfte für den großen Showdown aufgespart. Ich habe diese Option auch einmal gewählt, aber erst nachdem ich von 2013-2015 unter den Nachwirkungen der DS-Option gelitten habe. Streckt man Vivicar nieder tötet man jeden Meister (egal ob geschildet oder nicht), der dessen Einfluss erlegen ist. Man macht sein womöglich gutes Werk zunichte und opfert die Leben von rund 200 Jedi-Meistern, um einen bösen Geist zurück in die Hölle zu schicken, wo er einige Jahrhunderte später noch einmal ausbüchsen könnte. Doch Terrak Morrhage lässt einem keine Wahl, egal wie man sich entscheidet, sein Geist überlebt und würde sich womöglich auch als Ops-Boss oder weiterer Bösewicht anbieten.

Als ich Vivicar erschlug war ich überrascht, dass er nicht bluffte. Es starben wirklich 200 Lebewesen und wofür? Um mir etwas Macht zu sparen? Morrhages Geist wird bezwungen, aber nicht vernichtet. Im Nachhinein wirkt die dunkle Seite zu wählen wie eine katastrophale Entscheidung. Zunächst merkt man davon jedoch nichts und wenn man die regelmäßig auftauchenden Briefe in seinem Postfach ignoriert wird einem der angerichtete Schaden überhaupt nicht bewusst. Doch genau dort liegt nach dem Mord an Vivicar eine Liste mit einigen Namen der 200 Jedi-Meister, die durch ihre Verbindung mit Vivicar ihr Leben lassen mussten. Es waren Helden, Gelehrte, Botschafter und Mentoren - das wahre Herz des Jedi-Ordens, jene Figuren an die man denkt, wenn man vom Wert oder den Idealen des Jedi-Ordens spricht. Ein Meister wird auch nicht jeder und langfristig sind die 200 ein Verlust, der den Orden noch lange verfolgen wird. Und ich bin schuld. Nach Fallen Empire hat der Jedi-Orden praktisch aufgehört zu existieren und meine Gelehrte fühlt sich daran schuld. Wofür? Um ihr etwas Macht für den Kampf gegen den Ersten Sohn zu sparen. Das war es aus ihrer Sicht zunächst zwar wert, aber langfristig gibt sie sich die Schuld am Niedergang des gesamten Jedi-Ordens, immerhin sie war der Barsen'thor.

Es stimmt zwar, dass der Erste Sohn so oder so besiegt wird, der Jedi-Orden sich in Fallen Empire trotzdem zerstreut usw. aber wenn die 200 Tode Schuldgefühle auslösen sollen, dann haben sie genau das bei mir geschafft. Für den Mord an 200 Jedi-Meistern wurde meine Gelehrte auch noch selbst zur Meisterin und sogar zum Barsen'thor ernannt, nach dem Mord an Syo Bakarn erhielt sie sogar dessen Sitz im Jedi-Rat. Auf gewisse Weise sieht sie diese Beförderungen als Strafe und nicht als Belohnung an, sie erinnern sie stets daran was sie getan hat. Allerdings handelte sie auch hochgradig emotionslos und im Auftrag des Jedi-Ordens, ihre Morde waren sanktioniert, sie könnte die Schuld auch beim Jedi-Rat sehen, doch es war eben nicht Satele Shans Lichtschwert, das Vivicar durchbohrte und 200 Jedi-Meister das Leben kostete, es war ihr Lichtschwert und es waren ihre Hände an denen Vivicars Blut klebte. Als Jedi hat sie daraus gelernt, mit großer Macht kommt große Verantwortung und ihre Macht war teuer erkauft, nun steht sie in der Verantwortung ihr Leben als Jedi so zu gestalten, dass es den Opfern ihrer Handlungen würdig ist.

Für mich ist die Vivicar-Entscheidung also mindestens genauso prägend wie die jene des Agenten hinsichtlich der Desolatoren. Auch der Agent erfährt nie, ob Darth Jadus wirklich hingerichtet wurde oder in einem Gefängnis oder im Exil landete, aus dem er wieder ausbrechen könnte. Genau wie Morrhage könnte Jadus noch am Leben sein und alle Opfer der Desolatoren wären irgendwie umsonst gestorben. Als Agent kann man die Jadus-Entscheidung jedoch für Akt II nutzen, wenn man erklären soll, warum man nun zum Doppelagenten für den SID werden will.

Balmorra

Balmorra ist ein weiterer interessanter Pfad auf welchem sich die Botschafter-Story von den anderen republikanischen Actionhelden-Missionen unterscheidet, denn auf Balmorra kapern Botschafter sozusagen die Planeten-Story. Die faktische imperiale Gouverneurin Darth Lachris stellt die finale Gegnerin des Botschafters auf Balmorra dar, während Imperiale sie nach Coruscant als Flirtoption und Questgeberin am Ende des Planeten-Arcs erleben durften. Imo konkurrieren Botschafter hier mit Jedi-Rittern, die auf Voss Sel-Makors Treiben ein Ende setzen können. Doch im Prinzip geht es auf Balmorra um mehr als nur einer großen Bösen ein Ende zu setzen. Auf Balmorra befreit man einen Planeten, etwas das ansonsten nur in den Planeten Arcs (wie auf Corellia oder Alderaan) möglich ist.

Aus dem Moment gesehen folgt die Befreiung Balmorras mehr oder weniger direkt auf die Friedenskonferenz von Alderaan und die Rettung des Jedi-Ordens vor einer Zerstörung von innen heraus. Man tötet nicht die größten Monster oder Machtnutzer, aber man leistet trotzdem Episches. Und am Ende ist man sogar dabei wie Tai Cordan zum neuen Präsidenten Balmorras aufsteigt und sein Volk in die Freiheit führt. So etwas hat man zuletzt... noch gar nicht erlebt, denn Alderaans Zukunft bleibt ungewiss, nur auf Corellia wird man später eine ähnliche Szene erleben und dort handelt es sich neuerdings um einen Planeten Arc.


Belsavis

Die Esh-Kha werden auf Belsavis nur den wenigsten Klassen überhaupt erklärt, für den Rest sind sie seltsame auch machtsensitive Gegner in den später gelegenen Gebieten des ehemaligen Gefängnisplaneten. Nur Botschafter erfahren wirklich, was es mit den Esh-Kha auf sich hat und dass nicht alle von diesen böse sind. Die Rettung der guten Esh-Kha ist nach Balmorra (wo man eine Droidenarmee erhielt), der zweite große Schritt im Aufbau einer Streitmacht zur Befreiung Corellias. Belsavis wirkt zwar äußerst geradlinig, aber auch hier hat man einen diplomatischen Moment, wenn der Vertreter der Esh-Kha auf einen Vertreter der Rakata trifft und man Zeuge von so etwas wie einer späten Versöhnung werden darf.

Voss

Auf Voss stehen Botschafter eindeutig im Schatten des Ritters, in dessen Begegnung mit Sel-Makor sich das Schicksal einer ganzen Welt entscheidet. Doch Botschafter fühlen sich auf Voss trotzdem irgendwie heimisch, so als wäre der Planeten Arc wie für sie geschaffen. Vermitteln, Artefakte bergen und uralte Geheimnisse lüften. Es würde mich nicht wundern, wenn Voss von der Botschafter-Autorin Jo Berry geprägt wurde.

Was an Ritter und anderen Reps jedoch eher spurlos vorbei geht ist das hintergründige Thema, dass die Voss von Seiten der Jedi als graue Machtnutzer angesehen und argwöhnisch beäugt werden. Militante Meister wie Jaric Kaedan würden sogar eine gewaltsame Intervention gegen die Mystiker nicht ausschließen, um Voss vom Diktat der Mystiker zu befreien. Aus Sicht von Hardlinern sind die Voss nur einen Steinwurf von den Sith entfernt, die sich kraft ihrer Machtfähigkeiten auch zu den Herren eines Imperiums aufgeschwungen haben. Und trotzdem sieht man sich gezwungen ein Bündnis mit diesen grauen Machtnutzern zu schließen, um an Truppen für die Befreiung Corellias zu gelangen.

Ich finde es schade, dass Gaden-Ko nie zum Gefährten wurde und es wohl auch keine Pläne gibt ihn zurückzuholen. Stattdessen ist die Mystikerin der Allianz in Fallen Empire die mir zumindest völlig unbekannte Sana-Rae. Falls -Ko ein Nachname sein könnte stellt sich mir auch die Frage, ob Gaden-Ko und Talsa-Ko (aus der Schlacht um Ilum) verwandt sind.

Corellia und das Ende

Die Schlacht um Corellia verbindet typischen Action-Content (das infiltrieren von feindlichen Stützpunkten) mit der Erstürmung des imperialen Hauptquartiers. Parallel zum Planeten-Arc tragen zwar auch die anderen drei Klassen zum Sieg bei, doch es ist der Botschafter, der eine eigene Armee mitgebracht hat. Kampfdroiden von Balmorra, Esh-Kha und Gaden-Ko samt eines Trupps Elitesoldaten bilden die Streitmacht der Splitterallianz, die auf Corellia für die Republik einen Krieg gewinnt. Für einen Moment darf man sich sogar so fühlen als würde man wie ein Jedi-General seine eigene Armee befehligen.

Im Bunker des Ersten Sohns begegnet man schließlich erneut dem Albtraum des Jedi-Rats aus Akt I. Ein Jedi-Meister, ein Ratsmitglied sogar, wurde zur Marionette eines ultimativen Bösen und kann die Öffentlichkeit und sogar Ordensbrüder im Falle des Falles problemlos über diesen Umstand hinweg täuschen. Während der Jedi-Ritter auf Dromund Kaas der Stimme des Imperators gegenübersteht kämpft der Botschafter gegen dessen zweiten Avatar auf Corellia. Wer in Akt I auf die Anwendung der Schildtechnik verzichtet hat wird allerdings mit keiner besonderen Dialogzeile oder einer Extra-Szene belohnt, in der man seine unverminderte Macht zur Schau stellen kann. Doch Syo Bakarn kommentiert durchaus, dass man von den Morden in Akt I beeindruckt war. Der Botschafter hätte soviel erreichen können, wenn er sich den Kindern des Imperators angeschlossen hätte.

Auch Bakarn stellt den Spieler vor die Wahl, tötet man ihn oder schildet man ihn. Letzteres führt wie im Fall der Meister in Akt I allerdings nicht dazu, dass Syo dem Jedi-Orden erhalten bleibt. Sein monumentaler Verrat (man fühlt sich an Ulic Qel-Droma erinnert, der auch vor dem Senat angeklagt und beinahe zur Todesstrafe verurteilt wurde) ist etwas, das auch Syo zu denken gibt und so verschwindet der Jedi-Meister im Selbstexil in einer Höhle auf Tython. Selbst wenn man die Meister also rettet, ihre Selbstzweifel, das Misstrauen des Rats und der Öffentlichkeit verdammen sie dazu bestenfalls noch als Ausbildner oder Frührentner auf Tython zu fungieren. Praktisch droht allen Hausarrest im Jedi-Tempel, sofern sie sich keine gemütliche Höhle finden.

Bakarn zu töten erscheint verlockend, man sieht ja wie stark der Einfluss des Imperators sein kann und der Botschafter weiß nichts von den Erfolgen Kira Carsens beim Widerstand gegen Vitiate. Meister Syo zu töten wäre ein Gnadentod, der ihn von jeglicher Gefahr befreien würde. Und der Orden könnte Syos Verrat mit ihm begraben. Man könnte Syo zum Helden erklären und die Öffentlichkeit belügen, anstatt sein Andenken zu schädigen. Oder man könnte Syos Verrat zu einer Lektion für alle Jedi werden lassen. Letzteres hat eben auch den bitteren Nachgeschmack, dass man gegenüber Senat und oberster Kanzlerin einiges an Vertrauen einbüßen würde. Wie loyal oder gut sind die Jedi überhaupt noch, wenn sich sogar ihre größten Helden zu Marionetten der Sith machen lassen.

Selbst wenn Syo am Leben bleiben sollte, bei der großen Siegesfeier auf Coruscant erhält man dessen Sitz im Jedi-Rat (zumindest wenn man min. Hell I ist). Denn wie gesagt, selbst die geretteten Meister fallen de facto als Jedi-Ritter aus. Was mir persönlich an der Siegesfeier jedoch besonders gefällt ist die Stimmung und die Möglichkeit eine ganze Menge Entscheidungen zu treffen (die allerdings völlig ohne Nachwirkungen bleiben). Trotzdem, die Geste zählt und über das Schicksal seiner Verbündeten zu entscheiden (Gaden-Ko, die Esh-Kha, wer Senator wird) ist ein sehr würdiger Ausklang für eine Klassenstory.

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bueffel123, Montag, 1. Februar 2016, 22:04
Danke für diesen elefantösen Artikel! Wirst du auch auf die anderen Klassen retroperspektiv eingehen?

pfannenstiel, Montag, 1. Februar 2016, 22:14
Möglicherweise, ich habe Pläne für etwas ähnliches über den Soldaten und wenn ich mir das abringen kann stehen die Chancen gut.

lek, Dienstag, 2. Februar 2016, 08:50
Der Botschafter (Gelehrte) war mein erster Charakter und ist bis heute mein Main. Inzwischen habe ich alle Klassenstories gespielt und mag tatsächlich den Botschafter am meisten (gleich danach kommt der Soldat).

Genau wie du es hier beschreibst, habe ich es auch empfunden. Spätestens beim Sammeln der Truppen fühlt man sich wie Obi Wan im Klonkrieg und trägt bedeutend zum Sieg der Republik mit bei.

Das die Story von vielen so heruntergeputzt wird finde ich wirklich schade :(

pfannenstiel, Dienstag, 2. Februar 2016, 09:31
Ich gestehe, mein Schatten orientiert sich in Sachen Haarfarbe, Bart und Frisur an Obi-Wan und er hat auch einen ganz untypischen Faible für blaue Lichtschwertkristalle ;-)

So sehr der Ritter auch gelobt wird, weil seine Story praktisch KotOR III darstellt, der Botschafter ist meiner Ansicht nach doch die jedimäßigere Klasse. Man steigt innerhalb des Ordens auf, widmet sich typischen Jedi-Problemen und handelt im Auftrag des Jedi-Rats oder des Senats. Als Botschafter fühlt ich mich weit mehr in den Orden und das Tagesgeschäft eingebunden.