Dienstag, 15. November 2016
Dunkle Jedi, helle Sith, graue Ritter - Doppelte Standards im Kampf Hell vs. Dunkel
"Wieso werden dunkle Jedi keine Sith und helle Sith keine Jedi??"

So oft es auch gefordert wird, ich bin dagegen! Wenn ich SWTOR eines hoch anrechne, dann dass die Mechanik einer Trennung in Imperium und Republik, sowie Jedi und Sith schon vor Release mit Bedeutung und unzähligen Erklärungen aufgeladen wurde. SWTOR ist überhaupt eines der ersten Star Wars-Spiele, das es uns möglich macht einen dunklen Jedi oder hellen Sith zu spielen. Bis dahin führte der Weg zur dunklen Seite fast immer dazu, dass der Protagonist wie in KotOR I oder II zum Sith-Lord samt Darth-Titel wurde. Für die Nuancen zwischendrin gab es bei dieser einfallslosen Mechanik keinen Spielraum. Jeder erfahrene Leser des alten Legends-Materials oder Star Wars-Rollenspieler weiß jedoch wie ergiebig und facettenreich die Lore sein kann, wenn man abseits der gewohnten Pfade unterwegs ist. Ich liebe diesen Teil der Lore und seit dem Reboot des Franchise gibt es mit den Rittern von Ren, den Nachtschwestern, dem Bendu, den Weisen von Bardotta, den Sonderwegen Ventress und Mauls, sowie dem Fall Krells und Barriss Ofees einiges zu studieren. Spätestens Christie Goldens Asajj Ventress/Quinlan Vos-Roman hat die Tür weit aufgestoßen, dass es in Star Wars wieder mehr als nur Sith und Jedi gibt. Alles auf die beiden aus den ersten sechs Filmen bekannten Machtnutzer-Organisationen zuzuschneiden ist etwas, das ich eher von oberflächlichen Fans oder Film-Puristen erwarten würde, nicht jedoch von jenen die alles aufsaugen würden, das an Lore zu Star Wars geboten wird. Natürlich gibt es Organisationen die man eher belächelt oder deren Konzept einem nicht gefallen kann, aber es ist doch "kanonisch", dass es mehr als Sith und Jedi gibt, wobei es selbst innerhalb der Jedi (wie in der Serie The Clone Wars dargestellt, nachdem es in den Republic Comics einmal angedeutet wurde) eine Art Pluralismus gibt.

Mace Windu vs. Qui-Gon Jinn

Ich weiß, ich habe das Argument schon einmal vorgebracht, dass Mace Windu dem Ideal eines fanatischen Jedi-Hardliners entspricht. Doch damals habe ich dieser Darstellung keinen geeigneten Konterpart gegenübergestellt, was ich hiermit nachholen möchte. Während Windu alles tun würde, um den Jedi-Orden und die Republik zu erhalten, wofür er wie im Ventress-Roman sogar vor einem sanktionierten Attentat auf Dooku nicht länger zurückschreckt, ist Qui-Gon Jinn weit liberaler. Qui-Gon riskiert im Grunde alles und nimmt jede Chance an, er folgt dem Willen der Macht, anstatt sich an irgendetwas zu klammern und wir wissen ja wie der Jedi-Orden zum Thema Anhänglichkeit stehen würde. Obi-Wan und Yoda brauchen Jahrzehnte, um von ihrem Freund und Mentor zu lernen, was dieser in Episode I praktizierte. Ich würde sogar behaupten Qui-Gon ging in Episode I bereitwillig das Risiko ein von Maul erstochen zu werden, womöglich weil es der Wille der Macht war und er in seinem kurzen Innehalten vor dem Kampf einen entsprechenden Zuruf erhielt. Qui-Gon ist per Kanon auch der erste Jedi der eins mit der Macht wurde, wenn auch nicht vollständig. Das ist kein Zufall, denn Qui-Gon lässt sich getrost als der Jedi-Meister bezeichnen, der wieder zu den Jedi-Idealen zurückfand, während der Rest des Ordens von den Manipulationen der Sith, der Politik und dem Tagesgeschäft eines diplomatischen Kriegerordens geblendet war. Der Jedi-Orden musste gestürzt werden, damit die Überlebenden wieder zurück zu den Wurzeln finden konnten, eine Vorstellung die Mace Windu militant ablehnte.

Töten für den Jedi-Orden

In SWTOR gibt es eine eigene Erweiterte Klasse die quasi als Attentäter für den Jedi-Rat fungiert - die Jedi-Schatten. Diese gelten per ihrer ingame-Beschreibung auf der republikanischen Flotte als tatkräftige Streiter im Kampf gegen die dunkle Seite. Doch ihre Kampfbereitschaft rückt sie auch in die Nähe zur dunklen Seite. So stelle ich mir dunkle Jedi vor, sie morden im Namen eines Jedi-Ordens, der sich von einer korrumpierten Republik missbrauchen lässt. Und wenn die Jedi einmal ausfallen, dann greift die Republik wohl auf Auftragsmörder wie die GenoHaradan Attentäter zurück. Was die Korruption der Republik betrifft, so sind die kanonischen Beispiele etwas knapp, aber SWTOR ist auch Teil der Legends. Und in den Legends gibt es Romane wie James Lucenos Mantel der Täuschung oder den vierteiligen Jango Fett-Comic, in welchem auch Count Dookus Perspektive zum Tragen kommt. Legends-Dooku nahm etwa an jenem Massaker teil, bei dem die Wahren Mandalorianer unter Jango Fetts Führung fast restlos niedergemetzelt wurden. Das ganze war eine politische Intrige des örtlichen Gouverneurs, der wohl auch von der Death Watch Vizlas beeinflusst wurde, die so den Mandalorianischen Bürgerkrieg für sich entscheiden konnte. Dabei kämpften die Mandalorianer als Söldner im Auftrag des Gouverneurs, der sich politischer Gegner entledigen wollte. Doch er behauptete gegenüber dem Senat die Mandalorianer würden eine Invasion planen und forderte Unterstützung durch die Jedi-Ritter. Die Jedi kamen, sie sahen und sie siegten. Galidraan wurde für Dooku eines der Beispiele wie sich die Jedi von Verbrechern für die Drecksarbeit einspannen ließen.

Massaker wie auf Galidraan verlangen hochtrainierte Krieger, die aber auch nicht zuviel über die Umstände ihres Einsatzes nachdenken und dem Wort des Jedi-Rats oder ihren Meistern quasi blind vertrauen. Genau das sind laut des Meisters auf der republikanischen Flotte die Jedi-Schatten. Doch so ein Jedi-treuer Auftragsmörder ist nicht zwangsläufig ein Sith, also jemand der den Jedi-Orden hinter sich lassen und zum politischen Gegner überlaufen würde. Vielleicht sollte man es politischer sehen und von Extremisten sprechen, die es links wie rechts geben kann. Angehörige linker Guerilla-Truppen und rechter Todesschwadronen verrichten in Südamerika die gleiche Arbeit, aber auch wenn ihre einstige Ideologie ausgehöhlt ist, sie stehen doch auf unterschiedlichen Seiten.

Jedi-Schatten werden in der Lore gerne als Konservative dargestellt, denn nur den standhaftesten Ordensmitgliedern traut man zu Irrlehren und Sith-Artefakte beseitigen zu können. Doch wie man in der Klassenstory des Jedi-Ritters lernt sind auch solche "Champions der hellen Seite" zutiefst korrumpiert. Konservative Jedi sind jene, die in der Geschichte von Star Wars ziemlich schlecht wegkommen. Sie marschieren Fahnen schwingend in die Klonkriege, die ihr Ende besiegelten, sie verraten ihre Ideale und verlieren jede Volksnähe, was es für die Sith schlussendlich so einfach macht den Jedi-Orden mit seinen eigenen Waffen zu schlagen. Die Gelassenheit des Jedi-Kodex wird zur Apathie und führt quasi zur Betäubung des kritischen Denkens.

Korruption

Das Problem mit den dunklen Jedi in The Old Republic ist, dass die Vanilla Story fast nur peinliche (meist auf Schmuggler oder korrupte Soldaten zugeschnittene) Dunkle Seite-Optioonen bietet. Ein derart vom Weg abgekommener Jedi wirkt wirklich verachtenswert und passt zur propagandistischen Darstellung der Republik als Hort der Korruption. Ein solcher Jedi wäre wohl mehr wie der Penthouse-Bewohner Set Harth aus Drew Karpyshyns Dynastie des Bösen... ein dunkler Jedi, der den Orden verlassen hat, sich aber doch nicht den Sith anschließt und lieber sein eigenes Ding durchzieht.

Könnte man korrupte Jedi auch rollenspielerisch rechtfertigen? Ich finde schon. Man müsste vielleicht an manche vorreformatorische katholische Bischöfe, Mönche oder Priester denken, die ihre gehobene soziale Stellung auch nutzten, um sich selbst zu bereichern. Man hat sein Leben als Jedi ja auch nicht frei gewählt. Man wurde womöglich als Kriegswaise oder Kind von seinen Eltern an den Orden übergeben und wuchs in diesem auf. Gerade in der Old Republic-Ära waren die Jedi-Jünglinge noch nicht zwangsweise Kleinkinder, sie könnten sich also an eine idealisierte kurze Kindheit erinnern oder wie Guss Tuno eine tiefgründige Ablehnung des Lebens als konservativer Jedi entwickeln. Während manche Kriegswaisen vielleicht froh waren bei den Jedi eine neue Familie gefunden zu haben gerieten andere vielleicht an den falschen Meister und entwickelten ihre Ablehnung des Jeditums. Man wäre lieber Schmuggler oder Abenteurer und die Besitzlosigkeit des Ordens hat einem jede Möglichkeit genommen sich ein Leben außerhalb der Ordensstruktur aufzubauen.

Ich wage nun einmal mir vorzustellen wie eine solche vom Orden enttäuschte Kriegswaise durch die Story wandeln würde. Man feiert Erfolg um Erfolg und demonstriert seine Fähigkeiten als Krieger, doch jedes Wort der Ermahnung bewahrheitet sich, dieser Ritter ist keine wahre Verkörperung der Jedi-Ideale und der Imperator nutzt diesen Umstand aus. Schlussendlich wächst man über sich hinaus, vielleicht ein wenig wie der drogensüchtige, dreitagebarttragende, Ex-Kopfgeldjäger, Ex-Schmuggler und Ex-Pirat Cade Skywalker in Star Wars Legacy. Auch Cade wollte kein Jedi mehr sein und wählte gerne mal die dunkle Seite, er jagte sogar einen Jedi, weil auf diesen ein Kopfgeld ausgesetzt war. Kurze Zeit trainierte Cade sogar als Sith, wobei er sich der Gesellschaft der knapp bekleideten Darth Talon erfreute. Aber Cade blieb unberechenbar und von seiner Vergangenheit geprägt.

Man kann den korrupten Ritter auch als jemanden betrachten dem es leicht fällt mit Kira Carsen den Jedi-Kodex zu brechen. Beide haben ihre Heimat verloren und landeten bei den Jedi, ohne im Orden je eine zweite Familie zu finden. Man könnte sogar ein Szenario konstruieren in dem Kira und ein korrupter Jedi eine ähnliche Kindheit und Jugend auf Nar Shaddaa erlebten. Kira wäre dann wohl die bessere Jedi.

Unbekehrbare Sith

So sehr ich die Bewunderung für Lord Praven oder Darth Sajar auch verstehe, beide zementierten in den Köpfen mancher doch leider die Vorstellung, dass es keine hellen Sith geben könnte, weil ein heller Sith automatisch den Jedi beitreten müsste. Sajar und Praven verdecken jedoch das Beispiel einer Ashara Zavros oder einer hellen Jaesa Willsaam, die beide als Jedi-Padawane (aber eben nicht in der vielgespielten und übermäßig verehrten Ritter-Klassenstory) einem Sith-Lord folgen, ohne ihre Jedi-Ideale ganz abzulegen.

Ashara ist das Beispiel dafür wie sich der Jedi-Kodex mit den Freiheiten des Sith-Kodex verbinden lässt. Und Ashara versucht in ihrer Gefährtenstory energisch zur Brückenbauerin zwischen gemäßigten Jedi und Sith zu werden. Es gibt sie!

Jaesa Willsaam spürt die hellen Sith sogar auf. Es sind keine Sith die den Jedi-Kodex übernommen haben und damit nur noch formell um die Aufnahme ansuchen müssten. Es sind Sith die ihren eigenen Weg zur hellen Seite gehen, dabei jedoch nicht auf Gefühle, Romanzen oder eine Eheschließung verzichten wollen. Man könnte wohl von Taufschein-Sith sprechen, die zwar von ihrem kulturellen Hintergrund geprägt sind und offiziell weiterhin dem Orden angehören, wobei sie sich aber längst einer anderen Lehre oder zumindest einer auf ihre Bedürfnisse zugeschnittenen Abwandlung des überlieferten Kodex zugewandt haben.

Das Training der hellen Sith und ihr Status in der Sith-Gesellschaft sind jedoch Argumente seine imperiale Heimat nicht so einfach hinter sich zu lassen. Man hat hier Familie, Freunde, einen Job und die Möglichkeit etwas zu bewegen. Vor allem würde einen das Desertieren auch zwingen zu den Waffen gegen seine Heimat zu greifen und somit Verrat zu begehen. Man muss die Sith in meinen Augen auch immer als ein Volk sehen, das einen denkwürdigen Völkermord durch die Republik überlebt hat. Nach dem Großen Hyperraumkrieg entkamen nur die Ahnen der heutigen Sith, der Rest wurde ausgerottet. In diesem Bewusstsein entstanden zweifellos sehr starke Familienbande und Vorstellungen auserwählt zu sein, wobei man vielleicht gewisse Bezüge zum realen Israel feststellen könnte.

Helle Sith könnten den Jedi also aus gutem Grund misstrauen, weil diese auf eine Senatsabstimmung hin Imperiale ermorden wurden oder nach allen Freundschaftsgesten zur Seite treten, wenn die Todesschwadronen Sareshs beginnen Bluttests und Sith-Nachweise einzuführen. Plötzlich würde die stolze Abstammung von den Überlebenden des Genozids zu einem schwarzen Mal. Deshalb wären helle Sith deutlich energischer als jeder Jedi daran interessiert ihr Imperium zu reformieren und auf einen Kurs zu bringen, der es dem Feind schwer macht die totale Vernichtung zu verlangen. Man strebt wie in der Gefährtenstory Asharas nach friedlicher Koexistenz, was auch zur Forderung der Vorfahren der Sith-Lords passen würde, die an der Ausübung ihrer freieren Variante des Jedi-Kodex gehindert wurden und sich durch die Repression des Establishments immer weiter radikalisierten. Doch nun sind die Sith ein eigener Orden und die Jedi ziehen eigentlich nicht umher und rotten konkurrierende Machtnutzer-Gruppierungen aus, außer es sind eben die Sith?

Ich finde es auch interessant wie selbst im neuen Kanon Organisationen wie die Nachtschwestern für Jahrhunderte oder sogar Jahrtausende überdauern konnten, obwohl der Jedi-Orden von ihnen wusste. Es gab keine Kreuzzüge oder Dschihads, in denen die Jedi sich aufrafften Andersgläubige auszurotten, solange diese innerhalb ihrer Landesgrenzen blieben. Im Kanon gibt es mittlerweile auch die Weisen von Bardotta, eine lokale Machtnutzer-Organisation auf Bardotta, die ausschließlich aus Angehörigen zu bestehen scheint und sich einst mit einem expansionistischen Jedi-Orden überworfen haben dürfte. Den Weisen missfällt die Praxis der Jedi "Kinder zu rauben" und womöglich versuchte ein aggressiverer Jedi-Rat einst anderen Gruppierungen den Nachwuchs abspenstig zu machen.

In SWTOR gibt es mit den Voss Mystikern eine ähnliche Gruppierung wie die Weisen von Bardotta. Doch irgendwo (ich glaube in der Klassenstory des Botschafters) erwähnt ein Mitglied des Jedi-Rats sogar (wenn nicht sogar Satele Shan selbst), dass die Jedi durchaus auch Schritte in Betracht ziehen die Mystiker als theokratische Regierung auf Voss zu stürzen. Man würde sie jedenfalls sehr genau beobachten. Wenn selbst ranghohe Vertreter des Jedi-Ordens so denken, dann ist es wohl nur zu verständlich, wenn sich verständigungsbereite Mitglieder anderer Orden von den Jedi nicht allzu viel erwarten.

"Tritt uns bei oder stirb!"

Wenn das die Maxime der Jedi ist, dann ist sie nicht weit von religiösen Fanatikern der realen Welt entfernt, die hinter ihren religiösen Argumenten eigentlich aber auch nur politische Ideen verstecken. Die Politik ist überall, spätestens dann wenn für irgendetwas gekämpft oder gestritten wird. Der Jedi-Orden der Old Republic-Ära stellt trotz kriegsbedingt geschwundener Mitgliederzahlen so etwas wie einen hegemonialen Anspruch. Als staatstragende Organisation sind die Jedi es gewohnt mit der politischen Führungsschicht zu verkehren und sich selbst als verlängerten Arm der Republik zu betrachten. Soweit die Republik reicht, soweit reicht auch der Einfluss des Jedi-Ordens, so jedenfalls der Umkehrschluss einiger Jedi-Meister. Lokale Sekten wie der Orden von Shasa werden toleriert und man könnte auch die Theorie aufstellen, dass der Orden von Shasa eine treibende Kraft bei der zeitweiligen Abkehr Manaans von der Republik gewesen sein könnte. Immerhin gehörte Manaan bekanntlich der Allianz jener Welten an, die sich in der Klassenstory des Botschafters fast zum Austritt aus der Republik entschlossen hätten.

Nun gibt es wie auf Tython auch den einen oder anderen Selkath-Jedi und man fragt sich, ob dieser von Manaan stammt oder aus einer Selkath-Familie die irgendwann ausgewandert ist. Doch könnte der Orden von Shasa Ansprüche stellen etwa die Kinder von Auslands-Selkath zu rekrutieren? Würde das zu Streitigkeiten mit dem Jedi-Orden führen, der im Gefühl der Selbstverständlich sofort seine Vorrechte bei der Rekrutierung machtsensitiver Kinder auf dem Hoheitsgebiet der Galaktischen Republik geltend machen würde?

Die Politik ist überall und hellen Sith mag es lohnender erscheinen den Traum ihrer Vorfahren eines reformierten Jedi-Ordens zu verwirklichen, anstatt sich der Kinderlosigkeit, Ehelosigkeit und Besitzlosigkeit des Jedi-Mönchtums zu unterwerfen. Bedenkt man die Geschichte der Jedi in den Legends, so gab es für fast 1000 Jahre auch eine Phase in der sich die Jedi teilweise ebenfalls vom Mönchtum verabschiedeten und ohne es zu einem weiteren Schisma kommen zu lassen tolerierten, dass sich einige Jedi-Meister niederließen, Familien gründeten und ihnen persönlich verpflichtete Ritter ausbildeten. Es war das feudale Zeitalter vor der Ruusan-Reformation, als Lord Hoth die Armee des Lichts anführte und die Sith auf Ruusan besiegte. Die Ruusan-Reformation schaffte all das ab. Wer weiterhin als Baron, Graf oder Lord herrschen wollte musste sein Lichtschwert ablegen. Die Armee des Lichts wurde abgerüstet und wer ein Jedi bleiben wollte musste sich dem Jedi-Rat auf Coruscant unterordnen. Wir kennen nur die Darth Bane-Romane als Berichte über diese Ära, welche durch die Sichtweisen des Jedi-Ritters Johun Othone und Meister Valenthyne Farfalla gefärbt sind. Meister/Lord Farfalla war einer der Jedi-Lords, der seine Machtposition schließlich gegen einen Sitz im Jedi-Rat ummünzte.

Ohne die Zentralgewalt des Dunklen Rats oder einer Kaiserin bzw. eines Kaisers, sind die Sith wie im alten Sith-Reich feudal veranlagt. Man könnte das Sith-Imperium in dutzende oder hunderte kleiner Fürstentümer aufspalten, eine Situation die ebenfalls an die 1000 Jahre vor Darth Bane erinnern würde. Wie in den Knight Errant Comics und dem gleichnamigen Roman existierten vor Bane, Kaan und Hoth unzählige Sith-Fürstentümer, die sich gegenseitig bekriegten, während die Republik innerhalb ihrer Grenzen fortbestand. Zu einem großangelegten Krieg fehlte den Sith die Einigkeit und der Republik der Wille. Man hatte sich mit den Umständen arrangiert und gelegentlich kam es zu "Zwischenfällen", wenn Jedi-Meister wie Vanner Treece Einfälle in das Sith-Territorium wagten, um wenigstens einige Angehörige der versklavten Bevölkerungen zu befreien und auf republikanisches Gebiet zu evakuieren.

Ritterlichkeit

Manchmal hilft es Star Wars als Fantasy-Opus zu betrachten, vor allem wenn es darum geht einige mittelalterliche Aspekte der Saga zu deuten. Nehmen wir etwa die Vorstellung des Durchschnittsbürgers von einem Jedi-Ritter. George Lucas orientierte sich bei den Jedi an Samurai, für uns Europäer lässt sich der Begriff Ritter jedoch kaum von der Vorstellung eines Ritters trennen. Und Ritter gab es auch diese und jene. Einen sehr facettenreichen Überblick erlaubt uns da auch die Serie Game of Thrones. Da gibt es die hübsch anzusehenden Turnier-Ritter, deren Fähigkeiten im Kampf eher fraglich sind wie Loras Tyrell. Aber es gibt auch typische Raubritter wie den Berg, Ser Gregor Clegane, die allem widersprechen was man mit dem Ritterbegriff gleichsetzen würde. Und dann ist da auch jemand wie Ser Jorah Mormont, der wegen eines Verbrechens rechtmäßig verurteilt und verbannt wurde, trotz seiner Missetaten jedoch ein sehr ehrwürdiger Repräsentant des Rittertums wäre.

Das Jedi-Rittertum ist geprägt von der Idealvorstellung eines noblen Kriegers, wie sie die Samurai eben waren. Man lebt nach einem strikten Kodex und fügt sich den Autoritäten, während man zugleich eine sehr intensive Spiritualität verkörpert.

Geht man nach auf Wikipedia beschriebenen Idealen der Rittlichkeit, dann ergibt sich ungefähr jene Liste:
Demut
Würde
Freundlichkeit
Höflichkeit
Tapferkeit
maßvolles Leben
Großzügigkeit
Beständigkeit
Treue

Doch ginge man nach der Praxis in den Prequels (Mace Windu gibt sich äußerst schroff und wenig demütig, Obi-Wans Großzügigkeit und Freundlichkeit weist in Episode I deutliche Grenzen auf) so hätten die Jedi einige ihrer Ideale verfehlt.

Auch Sith-Lords könnten ritterlich sein, so weist Lana Beniko etwa die für Sith sehr ungewöhnliche Demut und Höflichkeit auf. Mit der Großzügigkeit hat sie es zwar nicht so, dafür jedoch mit Treue und Beständigkeit, sowie einem maßvollen Leben. Hochmut, Geiz und schroffes Verhalten sind jedoch genau die drei Punkte die man bei einigen negativ auffallenden Jedi-Meistern beobachten kann. Man verweigert den Twi'lek-Siedlern auf Tython die Hilfe (Geiz), Tol Braga meint sogar den Sith-Imperator bekehren zu können (Hochmut), Jaric Kaedan erhebt das Lichtschwert gegen Lord Scourge (Unhöflichkeit, Unfreundlichkeit). Gerade Ratsmitglied und Jedi-Meister Jaric Kaedan (der sich seinen Ruf mit der Verhaftung der Schreckensmeister verdient hat) ist für mich eher ein Jedi-Krieger, als ein Jedi-Ritter. Doch als Stimme der Aggression im Jedi-Rat besaß er einigen Einfluss, wogegen sich auch Großmeisterin Satele nicht verschließen konnte.

Ein Sith der sich als erster Diener des Staats sieht (wie Lana oder Darth Marr) kann mit einigen Nettigkeiten schon den Eindruck erwecken er wäre ein Imperialer Ritter. Dazu müsste ein Sith-LORD ja nur die Rolle ernst nehmen, die in seinem Titel schlummert. Fürsten haben die Aufgabe als Anführer und Beschützer ihrer Untertanen aufzutreten. All die Macht die sie genießen ist von jenen abhängig die unter ihnen stehen. Im Regelfall vergisst man diese einfach, außer man ist so etwas wie ein Fanatiker. Das Sith-Imperium stellt sich gerne als Meritokratie dar, in der die Besten die Führung übernommen haben. Eingefleischte imperiale Familien wie die Dornes oder die Drelliks legen daher auch großen Wert darauf, die Sith als höhere Instanz darzustellen. Die Lords sind Adelige an die man noch glaubt, sie sind Herrscher von Gottes oder eher Machtes Gnaden.

Vitiates Sith-Imperium (man sollte schon von diesem sprechen, immerhin besitzt es wegen der Flucht vor dem Völkermord eine eigenständige Tradition und Kultur) besitzt eine gewisse Ähnlichkeit zum Verlorenen Stamm auf Kesh. Auch dort etablierte sich eine herrschende Elite aus Sith, die sich auch als Verteidiger und Beschützer darstellten. Beide Kulturen nahmen ihren Anfang als der Große Hyperraumkrieg mit einer Niederlage der Sith endete. Während man auf Kesh jedoch in der Führungsfigur des Captains der gestrandeten Omen eine Heilsgestalt sah und den Machtanspruch der Sith aus der alten Befehlskette und den übernatürlichen Fähigkeiten der Machtanwender ableitete wurden diese Umstände in Vitiates Sith-Imperium auf andere Weise zum Gerüst einer Sith-geführten Gesellschaft.

Vitiate rettet einem Moses gleich seine Anhänger vor dem drohenden Untergang und reiste mit ihnen ins Gelobte Land. Dieser Exodus dauerte Jahre und auf ihm ließ Vitiate keine Gelegenheit aus sich als auserwählter Anführer zu inszenieren und Krisen zu überwinden, die er womöglich selbst provoziert hatte. Der Sith-Imperator genoss wohl eine ähnliche Verehrung wie Valkorion auf Zakuul und ich stelle mir Vitiates Umtriebe auch ein wenig wie Jorus C'baoths Kult im Timothy Zahn-Werk Outbound Flight vor. C'baoth wurde wahnsinnig und prägte Sprüche wie den folgenden (habe den Roman nie auf Deutsch gelesen):
"We are the Jedi, the ultimate power in the universe. We will do as we choose. And we will destroy any who dare stand in our way."

Ich würde es nicht ausschließen, wenn Vitiate eine ähnliche Ideologie nutzte, um den einstigen Untertanen der diversen Sith-Lords zu verdeutlichen wie er als ultimativer Sith und neuer dunkler Lord den rechtmäßigen Führungsanspruch stellen konnte. Zu Vitiates Glück waren die mächtigsten Sith-Lords da wohl bereits tot und wer übrig blieb war entweder zu schwach oder zu sehr von ihm abhängig, um ein Wort des Widerspruchs zu leisten. Immerhin folgten Vitiate sogar die Nachkommen oder Verwandten des Gegen-Kaisers Ludo Kressh in die Verbannung. Vitiate etablierte sich als gütigen Vater und Hirten, der seine Schäfchen ins Trockene brachte und seine Lords waren seine Stellvertreter. Man könnte ihn wohl auch als eine Art Artus sehen, der im ersten Dunklen Rat eine handverlesene Tafelrunde schuf. Man tat alles, um im großen Trek möglichst viele künftige Imperiale zu retten. Man könnte auch das Beispiel Battlestar Galactica anführen und wie sich durch Jahrhunderte der Legendenbildung aus den realhistorischen Persönlichkeiten Mythen entwickelt haben könnten.

Rittertum

Das mittelalterliche Rittertum war immer hierarchisch organisiert und hatte sehr viel mit der Verwaltung von Gebieten zu tun. Der niedere Adel unterstand dem höheren Adel und dieser unterstand wiederum dem König oder Kaiser. Im Kriegsfall rief ein Lehnsherr seine Lehnsmänner zum Banner und Treueeide bedeuteten, dass man im Gegenzug für den Schutz durch den Herrn diesem auch treu dienen musste. In Star Wars haben wir es im Fall der Jedi und anderer Gruppierungen eher mit Ritterorden wie den Templern, den Johannitern oder Deutschrittern zu tun. Der Orden finanziert sich durch Schenkungen oder eine eigene Wirtschaft, er unterhält Außenposten, er gilt als neutral in weltlichen Angelegenheiten und er verfolgt eine als sinnvoll betrachtete Aufgabe. Die Jedi-Ritter sind keine echten Ritter, sie sind eher so etwas wie Templer und so werden die Jedi auch an anderen Standards gemessen. Eigentlich sollten sie zuvorderst ihrer Hierarchie dienen und sich von weltlichen Herrschern wenig beeinflussen lassen. Was Kanzler oder Kaiser sagen ist das eine, was im Orden von oben kommt ist das andere. Am Ende der Klonkriege sollte dieser Umstand für Anakin Skywalker zur Zwickmühle werden.

Der Jedi-Orden in The Old Republic ist eine sehr schwache Institution, die immer noch unter den Folgen des letzten Krieges leidet. Man darf zwar Tython verwalten, doch man ist abhängig von Hilfslieferungen, Geldern und den militärischen Schutz der Republik. Irgendwo wird sogar einmal erwähnt, wie der Jedi-Orden theoretisch dem Senat unterstellt ist und so rein gar nicht unabhängig auftreten kann. Man ist der Republik ausgeliefert und diese ist selbst in einem sehr unausgeglichenen Zustand. Der Geheimdienst SID war ursprünglich eine Rechercheabteilung der Senatsbibliothek und wenn ich mir vorstelle wie aus einem Büro mit zwei langjährigen Bibliothekaren Spione gemacht werden könnten bin ich überzeugt, dass die Republik in ihren Kriegsinstitutionen sehr und vielleicht sogar zu rasant gewachsen ist. Man baute Insitutionen auf und schuf Machtverhältnisse, ohne den Luxus zu haben diese genau zu durchdenken. Mit dem Kalten Krieg und dem neuen Kriegsausbruch gab es wohl auch wenig Grund einige begangene Fehler rückgängig zu machen. Der Behördenapparat ist sicher aufgebläht, die Lage unübersichtlich und die Jedi hausen auf Tython. Es hatte schon seinen guten Grund den Tempel nach Coruscant zu verlegen, indem man dort nahe am politischen Geschehen war und mehr Einfluss ausüben konnte. Nun sind die Jedi isoliert. Nach der Plünderung Coruscants und dem erpresserischen Friedensschluss auf Alderaan standen die Jedi durchaus eine Weile schlecht da. Man hatte einen Krieg verloren und brauchte Sündenböcke.

Eine interessante Frage wäre wie Fallen Empire die Lage des Jedi-Ordens verändert hat. Wenn man wie auf Nar Shaddaa Sondereinheiten des Militärs einsetzt, um die organisierte Kriminalität zu bekämpfen, dann dürfte es nicht allzu gut um den Jedi-Orden stehen. Die Großmeisterin ist verschwunden, der Rat dezimiert und Saresh dürfte nach Yavin 4 und Ziost ohnehin nicht sehr begeistert von Eigenmächtigkeiten der Jedi gewesen sein. Die Regierungskontrolle über die Jedi könnte ein unerhörtes Ausmaß erreicht haben, so wie gegen Ende der Klonkriege. Ich sehe unter Saresh und Madon ein dunkles Zeitalter für die Jedi, das mich an die Geschehnisse am Ende der fünften Staffel von The Clone Wars erinnert. Das auf diese Order 66 folgte lässt mich für die Republik unter Sareshs Nachfolger Madon nichts gutes erahnen. Aber eine Order 66 wäre auch unnötig, wenn einem schon Zakuul zuvor kam. Laut Satele starben im Kampf gegen Arcann wohl hunderte, wenn nicht sogar tausende Ritter. Im geschwächten Zustand des Ordens (13 Jahre nach einem Krieg, der Plünderung Coruscants, einem neuerlichen Kriegsausbruch, dem Raubzug der imperialen Revaniter auf Tython) dürfte ein Krieg vom Ausmaß der Klonkriege oder der Yuuzhan Vong-Invasion (die vergleichsweise wohl fast glimpflich für die Jedi dieser Ära verlief) dafür gesorgt haben, dass 300 Jahre nach KotOR II wieder einmal nicht viel vom Jedi-Orden übrig war. Was macht das aus den verbliebenen Rittern?

Ohne eine handlungsfähige Autorität mit der die Republik verhandeln kann ist jeder Jedi-Ritter in einem rechtlichen Graubereich gefangen. Man kann sich auf bestehende Gesetze, Erlässe oder Verordnungen berufen, aber im Grunde ist man der versprengte Rest einer Armee und es gibt keine Hierarchie die einem Befehle übermitteln würde. Somit ist jeder Jedi derzeit wohl auf sich allein gestellt. Die Republik könnte schon versuchen den Kontakt zu den restlichen Jedi wiederherzustellen und diese zu vereinen, aber der bürokratische Aufwand einer solchen Personensuche ist zweifellos zu hoch. Man wird wohl eher warten bis sich ein neuer Jedi-Rat konstituiert oder ein frischgebackener Großmeister zum Antrittsbesuch beim obersten Kanzler erscheint. Freunde der Samurai-Darstellung könnten die Jedi in dieser Phase als Ronin beschreiben.

In Phasen wie der aktuellen könnten einige Jedi schon deshalb verschwinden, weil sie einfach ungehindert aus dem Orden austreten können, um andere Karrieren einzuschlagen. Andere machen vielleicht weiter und kooperieren mit lokalen Vertretern der Republik oder irgendeiner Regierung. Die Führungskrise bei den Jedi sollte die Arbeit der meisten Ritter kaum beeinflussen. Wenn sich ein neuer Jedi-Rat etabliert wird man sich schon irgendwann an diesen wenden. Im Kanon gibt es seit John Jackson Millers A New Dawn bekanntlich eine Art Batsignal im Jedi-Tempel, es ist das gleiche das Obi-Wan Kenobi in Episode III umpolt. Eigentlich sollte das Signal dem Zweck dienen alle Jedi im Tempel zusammenzurufen, doch in Episode III wählt man den Weg alle vom Tempel wegzuschicken.

"Lasst die Jedi einfach arbeiten." - ginge ja auch. In der Realgeschichte gab es ja auch hin und wieder Beispiele wie Institutionen weiter bestanden, auch wenn sie jahrelang eine Führungskrise erlebten oder wenn übergeordnete Stellen vakant blieben. Die längste Sedisvakanz in der römisch-katholischen Kirche dauerte etwa ca. 3 Jahre, trotzdem gibt es sie noch heute. Die einzelnen Bistümer, Klöster und Pfarren lösten sich nicht einfach auf, ebensowenig wie der Klerus verschwand. Während also der Großteil der als Generäle dienenden Ratsmitglieder und Meister verschollen sein dürfte könnten noch hunderte Jedi-Ritter weiterhin pflichtbewusst ihren Dienst versehen. Gleiches gilt für die Sith.

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