Ludo Kressh als Darth Marr des Alten Reichs
Unter Ludo Kresshs Führung hätten die Sith des Alten Reichs vermutlich überlebt und es wäre nicht zum Großen Hyperraumkrieg gekommen - denn Ludo Kresshs Reaktion auf die Ankunft der Daragon-Geschwister auf Korriban war eben nicht die Forderung nach einer Invasion der Republik, sondern nach einer Stärkung der Verteidigungslinien des Sith-Reichs. Aus strategischer Sicht war Ludo Kressh deutlich besonnener als Naga Sadow, der eine Invasion provozieren wollte, ohne die genaue Truppenstärke oder Ausdehnung der Republik zu kennen. Das Sith-Reich mag eine Regionalmacht gewesen sein, doch diese Regionalmacht forderte eine wahre Supermacht heraus und musste dabei schlichtweg verlieren. Kresshs Einschätzung, dass man sich bestens gegen eine Invasion der Republik verteidigen könnte war die realistischere, denn selbst eine Supermacht wie die Republik hätte sich an einem gut verteidigten Sith-Reich die Zähne ausgebissen. Dass die Republik ihrerseits eine Invasion gewagt hätte wäre unwahrscheinlich gewesen und selbst wenn es zu einem diplomatischen Zwischenfall gekommen wäre, die Republik wäre bei einer Invasion als Aggressor aufgetreten, was zwangsläufig zu Widerstand im Senat oder bei der Bevölkerung geführt hätte. Die Republik verfügte zu diesem Zeitpunkt über keine eigenständige Armee oder Flotte und musste für militärische Interventionen planetare Sicherheitskräfte zusammenziehen, wobei diese meist wenig gewillt waren für eine Expansion der Republik zu sterben. Am ehesten hätte die Republik das Sith-Reich einfach ignoriert, weil es ohnehin außerhalb ihrer Grenzen lag und relativ isoliert war.

Hätte Naga Sadow nicht alle Register gezogen, um sich auf einer populistischen Welle der Empörung zum Nachfolger von Marka Ragnos wählen zu lassen, Ludo Kressh wäre Ragnos Nachfolger geworden. Garantiert hätten das schon Kresshs Funktion als Zeremonienmeister bei Ragnos Begräbnis, seine politische Stärke im Sith-Rat (Kressh hatte loyale Verbündet, während Sadow bis auf die Protektion durch seinen Mentor Simus relativ alleine dastand) und seine physischen Fähigkeiten als geborener Krieger. Naga Sadow war hingegen ein politischer Störenfried, der sich sogar erdreistete Kressh bei der Bestattung von Marka Ragnos anzugreifen. Der Zweikampf der beiden endete ohne Entscheidung, doch Kressh hatte anfangs die Oberhand, ehe Sadow seine Machtfähigkeiten zum Einsatz brachte. Sadows Abhängigkeit von seinen Machtfähigkeiten und politischen Intrigen (wozu auch Bestechung und politische Attentate gehörten) machte ihn zwar zu einem innenpolitisch höchst erfolgreichen Machtpolitiker, aber als Oberkommandierender im Großen Hyperraumkrieg bewies er nur, dass er seiner neuen Aufgabe nicht gewachsen war. Sadow mag mächtiger als Ludo Kressh gewesen sein, aber er erwies sich als inkompetenter General. Kressh täuschte seinen Tod vor, um während Sadows Invasion seine Verbündeten um sich zu scharen und seine Truppen zu sammeln. Als Sadows Invasion scheiterte und dieser kurzfristig heimkehrte, um auch noch die letzten Reserven der Sith zu mobilisieren versuchte Kressh Sadows Herrschaft ein Ende zu setzen, aber er wurde nur neuerlich ein Opfer von Sadows dunklen Machenschaften. Vielleicht hätte das Sith-Reich tatsächlich noch eine Chance besessen, wenn Kresshs "Militär-Putsch" gelungen wäre. Mit den vereinten Kräften der Kressh-Fraktion und einem allgemeinen Rückzugsbefehl hätten die Sith zumindest mehr Mittel zur Verfügung gehabt, um sich gegen die Gegenoffensive der Republik zu verteidigen. Sehr wahrscheinlich hatte Kressh alles daran gesetzt seine und die Territorien seiner Verbündeten zu befestigen, womit Sadows Anhängerschaft (egal ob freiwillig oder unfreiwillig) während der republikanischen Gegenoffensive die größeren Verluste erlitten hätte. Schlussendlich hätte ein fähiger General wie Ludo Kressh am ehesten die Möglichkeit besessen einen Waffenstillstand oder sogar einen Friedensvertrag mit der Republik zu erzwingen.

In der Jedi-Propaganda zum Großen Hyperraumkrieg und auch den durch Naga Sadows Sicht gefärbten Quellen (die über Sadows Schüler Freedon Nadd und Exar Kun schließlich wohl auch wieder in die Sichtweise der Jedi eingeflossen sind) steht Ludo Kressh als der böse Konservative da, der befürchtete eine Ausdehnung des Sith-Imperiums könnte die Hegemonie der reinblütigen Sith gefährden. Kressh erkannte die Macht der Sith-Ideologie an und anders als Naga Sadow der ganz offen Alien-Söldner und Jedi-Überläufer rekrutierte wollte Kressh das Reich der Sith vom Rest der Galaxis abschotten. Kressh konnte sich diese Sichtweise auch leisten, da er über ausreichend Anhänger verfügte. Sadow hingegen hinkte hinter seinem Rivalen hinterher und versuchte seinen Mangel an Vasallen und Verbündeten durch Versprechungen gegenüber Außenseitern auszugleichen. Sadow und Kressh erinnern vielleicht etwas an Malgus und Marr, wobei Malgus ja auch ein politischer Außenseiter war, während Marr problemlos als Regent über den Dunklen Rat herrschen konnte. Malgus und Sadow gierten nach persönlicher Macht, der Zerstörung all ihrer politischen Gegner und einem Krieg der ihnen Ruhm und Reichtum versprach. Doch im Unterschied zu Sadow war Malgus wohl eher ein erfahrener und kompetenter General.

Marrs Pragmatismus ist wiederum etwas, das man nur bedingt an Ludo Kressh beobachten kann. Kresshs Auftritt in den Tales of the Jedi ist schlichtweg zu schnell zu Ende, um ihn in einer ähnlichen Rolle wie Darth Marr zu erleben. Kressh hat Sadow nicht überlebt, während Marr sehr wohl Malgus Rebellion und den vermeintlichen Tod des Sith-Imperators überstand. Hätte Kressh die Nachfolge Sadows angetreten und die Sith-Streitkräfte gegen eine republikanische Gegenoffensive angeführt, er hätte wohl durchaus auch einige seiner politischen Vorbehalte aufgegeben, um die republikanischen Streitkräfte zurückzuschlagen. Der erste Schritt wäre wohl gewesen menschliche Soldaten und Sith-Lords einzusetzen, etwas das Naga Sadow in einem bescheidenen Rahmen bereits praktizierte. Die Befreiung von Sklaven und die Bewaffnung der Kastenlosen (man sollte nicht vergessen, dass die Gesellschaft des alten Sith-Reichs noch in Kastenzugehörigkeiten unterteilt war) wäre bereits ein probates Mittel gewesen Truppen für die Verteidigung zu gewinnen und diese sogar auf den Oberkommandierenden (ihren Befreier und Wohltäter) einzuschwören. Ich würde es auch Darth Marr unterstellen, dass er bei seiner Begnadigung von Malgus-Anhängern und Revanitern daran dachte seine Machtbasis zu stärken. Zum Wohle des Imperiums natürlich, aber eben nicht nur. Marr dachte weniger daran Imperator zu werden, aber er war dazu gezwungen an seinen Machterhalt als effektiver Regent zu denken. Wenn er das Imperium vor sich selbst schützen wollte, dann musste er auch einige machtpolitische Entscheidungen treffen und Macht an sich ziehen, um sie aus den Händen von selbstzerstörerischen Extremisten zu halten.

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